Einführung in die Ausstellung:
"Bilder von Gedeih und Verderb - 20 Jahre Malerei"
von Elisabeth Störmer- Hemmelgarn.
Stiftung Overbeck im KITO, Bremen- Vegesack.
3. November 2001
von Edda Bosse
In einem Manuskript der Künstlerin, dass mir zur Vorbereitung dieser Eröffnung zur Verfügung stand, ist der spontane Ausruf eines Besuchers wiedergegeben: „Das sieht ja aus wie eine Fotografie." Wäre ich doch dabei gewesen. Ich hätte umgehend und sehr nachdrücklich geantwortet: „Nichts ist von einer Fotografie weiter entfernt als diese Malerei." Und damit sind wir mitten im Thema: Bilder von „Gedeih und Verderb" sehen wir hier und befinden uns auf einem Weg durch 20 Jahre Malerei. 20 Jahre freies Künstlertum sind vor unseren Augen ausgebreitet. Eine durch sorgfältige Ausbildung und erfolgte Verbeamtung gesicherte Existenz wurde 1980 aufgegeben, um das Wagnis auf sich zu nehmen, zukünftig „frei schaffend" tätig zu sein. Was wir hier heute zur Kenntnis nehmen ist eine lange Strecke, ein mit großer Sorgfalt und mit nie nachlassendem Qualitätsanspruch angelegter und ausgeschrittener künstlerischer Weg, der sich vielfältig und immer freier werdend weitet und sich im Kern ganz treu bleibt. Elisabeth Störmer-Hemmelgarn hat ihre Bildsprache früh gefunden: sie traut ihrem Auge und nimmt die Gegenstände in ihrer Gegenständlichkeit ernst, aber das hat weder etwas mit „naiver Malerei" noch mit "Fotorealismus" zu tun. Gerade weil sich dem schnellen, ungeduldigen Fernsehauge alles auf einen Blick zu erschließen scheint, ist die Dimension nach innen- die Verwandlung von Realität in Bedeutung so wichtig, wenn man diesen Werken nahe kommen will. Hier geht es weder um Abbildungen, noch um Zustandsbeschreibungen, denn allen diesen Bilder von „Gedeih und Verderb" ist der poetische Zustand- diese aus Empfindung und Erkenntnis geborene Befindlichkeit- eigen. Es sind die erhabenen Gewölbe von Kirchen und Schlössern, die verfallenen Mauern von Fabriken, Verliesen und alten Mühlen, die von ihrer Vergänglichkeit erzählen. Es sind die Errungenschaften der Technik, die verrottend und verrostend zum Gespött ihres eigenen Verfalls werden. Es ist die aus Brettern und Wellblech zusammen gebastelte Hütte auf Costa Rica, die Hochhausfassade von Manhattan oder das sperrige Metallskelett eines Gewächshauses, dessen Reste von zersprungenen Scheiben nur noch andeutungsweise von seiner ursprünglichen Bestimmung künden. Es sind Fässer, Tiegel und Töpfe, die in einem Schuppen beieinander stehen oder hoch aufgehängt im Winde klappern und es sind die leeren Getreidesäcke, die vom Gebälk des Mühlenbodens schlaff herunterhängen. Ihre Zeit ist abgelaufen! Sehr genau ist das alles geordnet und geschildert, die Gesetzmäßigkeit von Verderb in erhabener Einfachheit erklärt. Viel tote Materie wäre zu verkraften, gäbe es da nicht die andere Dimension, die zum Teil mit Wucht, zum Teil mit feinstem Duktus das erdige, schwere Bildgeschehen in ein sprichwörtlich anderes Licht taucht. Es gibt nicht eine Interieur- Arbeit von Elisabeth Störmer-Hemmelgarn, in der sich nicht ein Fenster, eine Tür, ein Tor, ein Durchlas öffnete und Licht hereinließe: strahlendes, gleißendes, flutendes, freundliches Licht das in zwei Richtungen wirkt: es durchleuchtet den Raum und öffnet den Blick. Es macht ihn sichtbar und entgrenzt ihn. Das hereinströmende Tageslicht strukturiert die Architektur und weitet den Blick ins Freie, ins Grenzenlose. Was immer heißt: in die Natur, die ungebändigte. Wilde Blumenwiesen, Kräuter und Gewächse, die Zäune überranken und in Maueröffnungen hineinwuchern, Bäume, die mit ihren gewaltigen Kronen alles überragen, golden durchwirktes Blattwerk und silbrige Olivenzweige, die sich ausbreiten. Hier lebt die Natur nicht" geduldig und häuslich, pflegend und wieder gepflegt, mit dem fleißigen Menschen zusammen „ wie wir es in Friedrich Hölderlins „Eichbäumen" lesen. Ungebändigt ist sie, herrschend- denn die Natur überlagert und überwuchert, verdeckt und erdrückt alles, was von Menschen geschaffen und verlassen wurde. Was sich selbst erledigt oder wessen man sich im Zuge eines zweifelhaften Fortschritts entledigt hat, das wird still und beharrlich, unabdingbar und unaufhaltsam in den Kreislauf von Gedeih und Verderb hinein genommen. Und wie verhält es sich mit dem Menschen in diesen Werken. Selten tritt er direkt in Erscheinung. Ein „Zaungast im Spiegel der Zeiten" wirft einen interessierten Blick durch die hohe, verglaste aber geschlossene Tür auf das blitzblank gebohnerte Parkett des Charlottenburger Schlosses, eine Gruppe sitzt schweigend/plaudernd in einem vorbeifahrenden S- Bahn- Zug, in der Rückenansicht beobachten wir einen Landschaftsmaler auf einer Abraumhalde, der einen Baum auf seine Leinwand setzt, den es nicht mehr gibt. Nein, leibhaftig sind wir Menschen kaum präsent und dennoch unmittelbar verbunden mit diesen Bildern und ihren Themen. Es sind die Menschen in ihrem Vorwirken und in ihren Nachwirkungen: die Gebäude, Türme und Fabriken, die Traktoren, Tonnen, Tische und Stühle, die von ihnen erzählen. Es sind die nackten Flächen, die karg und leblos daliegen, nachdem wir sie ausgebeutet haben und es ist der glutrote Mohn, der wie eine Lache von Blut sich über die Seelower Höhen dahin breitet und Geschichte nicht Geschichte sein lässt. Nein, meine Damen und Herren, in diesen Bildern wird nicht nur fein gemalt und dekorativ angerichtet, sondern sehr ernsthaft gedacht und deutlich formuliert. „Die Stille ist stärker als der Sturm".
Die mit den Jahren immer weiter entwickelte, ganz eigenwillige Aquarelltechnik, die ein „strapazierfähiges, geduldiges Papier" , wie die Künstlerin es selbst definiert, erfordert, hat in manchen jüngeren Arbeiten eine Freiheit erreicht, die sich in der Kunst des Weglassens übt. Plötzlich fließt die Farbe an den Rändern nur noch ganz gelöst dahin und endet wie sie will und dabei nicht immer am Bildrand. Hier und da löst sich eine sehr korrekt angelegte Arbeit in ein freies Assoziationsfeld von Form und Farbe auf, in dem sich das Auge phantastisch verliert. Der Gestaltung von Farbräumen und Farbflächen widmet die Künstlerin ihr ganzes Können. Wie viele Töne rot in rot, blau in blau, grün in grün sind nebeneinander und ineinander gesetzt, bevor sie sich zu einem freien Spiel der Kräfte fügen.
Das alles und sicher vieles mehr kann man auf einem Rundgang durch diese 20 Jahre Malerei erfahren - das ist auch eine Übung in Geduld und eine Schule des Sehens. Der jetzt in Bremen lebende, zeitgenössische Schweizer Komponist Klaus Huber hat von der Kunst als der „umgepflügten Zeit" gesprochen. Die Aufgabe von Kunst war und wird immer sein die Zeit umzupflügen, die Krusten aufzubrechen, mit dem blanken Pflug das unterste nach oben zu tragen und in das Licht des Tages, ins Blickfeld der unmittelbaren Wahrnehmung rücken. Mit welchen Mitteln auch immer- Kunst muss tief graben, der Glätte der Oberfläche misstrauen und hinter die Dinge schauen, dahin wo das Gewohnte endet.
Elisabeth Störmer- Hemmelgarn hat auf ihre Art die Zeit umgepflügt und für sich fruchtbar gemacht. dass ihre Bilder über allem Gesagten auch einfach schön sind und es Freude macht in ihnen zu verweilen, sollte hier am Schluss noch sehr mit Nachdruck ausgesprochen werden.
Die mit den Jahren immer weiter entwickelte, ganz eigenwillige Aquarelltechnik, die ein „strapazierfähiges, geduldiges Papier" , wie die Künstlerin es selbst definiert, erfordert, hat in manchen jüngeren Arbeiten eine Freiheit erreicht, die sich in der Kunst des Weglassens übt. Plötzlich fließt die Farbe an den Rändern nur noch ganz gelöst dahin und endet wie sie will und dabei nicht immer am Bildrand. Hier und da löst sich eine sehr korrekt angelegte Arbeit in ein freies Assoziationsfeld von Form und Farbe auf, in dem sich das Auge phantastisch verliert. Der Gestaltung von Farbräumen und Farbflächen widmet die Künstlerin ihr ganzes Können. Wie viele Töne rot in rot, blau in blau, grün in grün sind nebeneinander und ineinander gesetzt, bevor sie sich zu einem freien Spiel der Kräfte fügen.
Das alles und sicher vieles mehr kann man auf einem Rundgang durch diese 20 Jahre Malerei erfahren - das ist auch eine Übung in Geduld und eine Schule des Sehens. Der jetzt in Bremen lebende, zeitgenössische Schweizer Komponist Klaus Huber hat von der Kunst als der „umgepflügten Zeit" gesprochen. Die Aufgabe von Kunst war und wird immer sein die Zeit umzupflügen, die Krusten aufzubrechen, mit dem blanken Pflug das unterste nach oben zu tragen und in das Licht des Tages, ins Blickfeld der unmittelbaren Wahrnehmung rücken. Mit welchen Mitteln auch immer- Kunst muss tief graben, der Glätte der Oberfläche misstrauen und hinter die Dinge schauen, dahin wo das Gewohnte endet.
Elisabeth Störmer- Hemmelgarn hat auf ihre Art die Zeit umgepflügt und für sich fruchtbar gemacht. dass ihre Bilder über allem Gesagten auch einfach schön sind und es Freude macht in ihnen zu verweilen, sollte hier am Schluss noch sehr mit Nachdruck ausgesprochen werden.